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Tanz auf dem Vulkan



Tunesiens Präsident Zine al Abidine Ben Ali stellte sich wieder einmal zur Wiederwahl. Űberall im Lande prangten Plakate mit seinem lächelnden Portrait. Ich reiste gerade durch Tunesien und fand das Foto des Präsidenten recht sympathisch – es erinnerte mich an einen verstorbenen griechischen Freund. Einem spontanen Einfall folgend betrat ich in Karthago, wo ich spazieren ging, ein Wahlbűro von Ben Ali und fragte, ob ich ein paar der hűbschen Plakate mitnehmen dűrfe.

Nehmen Sie soviel Sie wollen, grinsten die Wahlhelfer. Ein Ausländer, der Plakate haben will, so ein Spass. Ich legte vor dem Heimflug die Plakate oben in den Koffer, damit sie nicht zerdrűckt werden.. Bei der Zollkontrolle öffneten die Zöllner den Koffer, erblickten das Konterfei ihres Präsidenten, erschraken und klappten den Koffer undurchsucht zu. Gute Reise wűnschten sie mir eilfertig.

Zuhause angekommen, war ich frűh schon im Bűro und ging am Zimmer eines tunesischen Kollegen vorbei. Aus Spass legte ich ihm ein Ben Ali-Plakat zusammengerollt auf seinen Schreibtisch. Mittags trafen wir uns zufällig im Gang. „Na, hat Dir mein Mitbringsel gefallen“, fragte ich ihn arglos. „Das warst Du! Ich war so erschrocken, als ich das Plakat sah. Ich dachte, jetzt ist der Teufel los. Man hat mich im Visier!“ Ich musste mich bei meinem Kollegen entschuldigen fűr meine Gedankenlosigkeit.

Nun hat Ben Ali, der mit eiserner Hand űber alle Tunesier herrschte, sein Land bei Nacht und Nebel verlassen. Er hatte den Flughafen Tunis-Carthage sperren und von der Armee besetzen lassen, damit er und seine Familie unbeobachtet in zwei Maschinen das Land verlassen konnten. Die Prozedur erinnert an die von Präsident Bush ermöglichte Ausreise des Bin-Laden-Clans aus den USA kurz nach den Attentaten des 11. September.

Ben Alis Sturz ist ein Menetekel fűr seine Kollegen in Algerien und Marokko. Erstmals hat die Masse des Volkes im Maghreb einen Herrscher zur Abdankung gezwungen. Fűr die ohnehin revoltierenden jungen Algerier ein Fanal und fűr die Marokkaner das Signal, dass der Palast nicht unbezwinglich ist.

Ein nordafrikanisches Land zu regieren, ist gefährlich, aber lohnend. Die Palastkamarilla weiss, wie man sich diskret bereichert; manchmal auch nicht so diskret. Ben Alis Frau Leila entstammt der Sippe Trabelsi, den inzwischen reichsten Unternehmern des Landes, durch deren Finger viele lukrative Lizenzgeschäfte liefen, und die zahlreiche staatliche Unternehmen durch Privatisierung ohne Ausschreibung erhielten..

Wer in einem nordafrikanischen Land Minister oder gar Regierungschef ist, wohnt nicht zu weit vom Flughafen entfernt und hat dort eine Maschine Tag und Nacht startbereit stehen, wie ein Minister Freunden seufzend anvertraute. Man weiss ja nie, wann der Vulkan explodiert. Auch können unangenehme Verdächtigungen publik werden, beispielsweise Unterstellungen, man habe seinerzeit noch als Botschafter am Verkauf der alten Botschaft im Zentrum der fremden Hauptstadt und am Bau einer neuen Vertretung am Stadtrand verdient.

Egal ob das Volk revoltiert, ob einen die Vergangenheit einholt, oder ob man aus der Gnade des Obersten fällt – das Leben als Mitglied der Fűhrungsclique ist risikobehaftet und – wenn man die Kosten der Flugbereitschaft bedenkt – aufwendig. Umso trauriger ist es, wenn man ins Exil gehen muss, sich spielend eine Villa an der Cote d’Azur leisten könnte, und doch nach Saudi-Arabien geschickt wird, nach Jeddah, oder – schlimmer noch – nach Riad. Die ehemalige Villa von Idi Amin ist jedenfalls kein wűrdiges Domizil.

Man geht nicht fehl, anzunehmen, dass derzeit intensive Verhandlungen zwischen Entscheidungsträgern nordafrikanischer Staaten und möglichen Asylländern laufen. Dass Frankreich mit Rűcksicht auf die Gefűhle seiner Bevölkerung nordafrikanischen Ursprungs den ehemaligen Diktatoren kein Asyl gewähren will, ist ein harter und unerwarteter Schlag fűr Jene, die Frankreich so lange die Treue hielten. Da ist doch auf die Freunde von der CIA mehr Verlass.

Man kann bei der Vorbereitung seines Asyls nicht umsichtig genug sein. Nun drängt auch noch die Zeit. Steigende Nahrungsmittelpreise verlangen nach Senkung der Regierungssubventionen fűr Mehl, Kochöl und Zucker, die den Staatshaushalt zu sprengen drohen. Das aber ist höchst gefährlich, wie das Beispiel Tunesiens zeigt. Der Vulkan brodelt.

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—— BB